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Eine unsanfte Landung
Irgendwo über dem fernen Pazifik, knapp zwölf Kilometer oberhalb des Meeresspiegels, düste am einunddreißigsten Dezember ein kleines Privatflugzeug durch die rabenschwarze Nacht. Obgleich es mit über neunhundert Kilometern in der Stunde durch die Lüfte sauste, verursachte es dabei keinen nennenswerten Lärm.
Nun gut, wenn man die Schallemissionen der zwei hochmodernen Triebwerke mit dem Geräuschpegel eines handelsüblichen Staubsaugers verglichen hätte, könnte man vielleicht zu dem Schluss gelangen, letzterer sei die intelligentere Erfindung, weil leiser im Betrieb. Außerdem ließ sich das Eigenheim besser mit einem Staubsauger reinigen als mit einer Turbine, welche den Dreck nur angesaugt und nach hinten wieder hinaus gepustet hätte. Und wer würde seinen Staubsauger schon mit Kerosin betreiben? Auch in puncto Energieeffizienz hatte das nützliche Haushaltsgerät die Nase vorn.
Andererseits genügte bereits ein simpler Staubsauger zur falschen Zeit am falschen Ort, um die fürnehme Familie Gutbürger in eine mittlere Krise zu stürzen. Besonders oft ereignete sich dies zwischen Weihnachten und Neujahr, wenn die fürchterlichen Nachbarn ihre fürchterlichen Verwandten zu Besuch hatten und nach Abschluss ihrer fürchterlichen Feierlichkeiten begannen, das entstandene Chaos lautstark zu beseitigen. Am schlimmsten waren die Rübendödels aus Nummer siebenunddreißig. Frau Rübendödel besaß ein gar abscheuliches Gerät von einem Nass-und-Trocken-Reiniger, welches die Wände zum Beben und Frau Rosemarie Gutbürger damit gehörig auf die Palme brachte.
Noch schlimmer als die Rübendödels und deren Weihnachtsfest war jedoch der Jahresendabschluss. Bis heute konnten sich Hans-Günther und Rosemarie Gutbürger nicht erklären, welcher Unhold sich ausgedacht hatte, den letzten Tag eines im Grunde recht gelungenen Jahres "Silvester" zu nennen und die Welt in ein Pulverfass zu verwandeln. Fassungslos blätterten die beiden alle Jahre wieder durch den Prospekt ihres Lieblingsdiscounters und schüttelten die Köpfe angesichts der unzähligen Knaller, Raketen, Fontänen, Batterien und was es sonst noch so an Feuerwerk gab.
"Wenigstens müssen diese Möchtegern-Pyromanen fürwahr tief in die Taschen greifen, um ihre Böllerei zu finanzieren", versuchte sich Herr Gutbürger die Situation routiniert schön zu reden.
Leider ohne Erfolg.
Denn sobald die ersten Feuerzeuge gezückt wurden, waren er und seine Familie in Alarmbereitschaft. Um jedes Stückchen Pyrotechnik wurde ein großer Bogen gemacht, wodurch sich teils längere Umwege ergaben. Doch das war immer noch besser, als versehentlich auf eine Knallerbse zu treten und nachher den Brandfleck von der Unterseite des Schuhs entfernen zu müssen. Oder einen halben Meter neben einem explodierenden Chinaböller vor Schreck die Einkaufstüten fallen zu lassen. Oder eine herrenlose Glasflasche entsorgen zu wollen, die wohl irgendein Halunke achtlos am Straßenrand stehen gelassen hatte – nur um entsetzt zurück zu weichen, als plötzlich eine pfeifende Rakete aus der Öffnung gen Himmel aufstieg und eine stinkenden Rauchfahne hinter sich her zog.
Einmal hatten die beiden Spitzbuben aus dem Hause Stänkerich einen Harzer Reibkopfknaller im Briefkasten der Gutbürgers versenkt. So bekam das Wort Briefbombe eine völlig neue Bedeutung. Natürlich hatte Frau Gutbürger die zwei kriminellen Halbstarken angezeigt, doch außer einer mündlichen Verwarnung und einem Bußgeld von dreißig Euro ergaben sich keine Konsequenzen. Höchstens diese, dass sich exakt ein Jahr später ein großer Chinaböller im Privateigentum der Gutbürgers verirrte. Dieses Mal detonierte er im Auspuffrohr ihres Mercedes.
Nach diesem Vorfall hatten Hans-Günther und Rosemarie Gutbürger die Faxen dicke und entwickelten eine Deeskalationsstrategie, um ein für alle Mal den seelischen Grausamkeiten des Silvesterfestes zu entgehen und das psychische Wohlbefinden wiederherzustellen. Yasmin und Marc, ihres Zeichens stolzer Nachwuchs von Hans-Günther und Rosemarie, wurden direkt in den konstruktiv-kreativen Prozess eingebunden. So konnten sie gleich etwas fürs Leben lernen, denn man musste sich schließlich zu helfen wissen, wenn die Welt in Anarchie zu versinken drohte. Fanden die Eltern.
Viele Wochen und dutzende Konzeptpapiere später stand eine ideale Lösung im Raum: Ein luxuriöser Kurzurlaub weit weg in der tropischen Südsee. Genauer gesagt im Fünf-Sterne-Hotel “Humble Hermit” auf Bali, wo es um den Jahreswechsel mindestens dreißig Grad heiß war und man in kristallklarem Wasser schwimmen konnte. Keine Böllerei, keine Nachbarn, kein Lärm. (Abgesehen von den Triebwerken des Jumbo-Jets, welcher sie ans Ziel befördern würde - doch diesen Krach, wenngleich noch lauter als ein Staubsauger, würden sie schon überstehen). Stattdessen unberührte Natur, himmlische Ruhe und Frieden.
So die Theorie.
In Wirklichkeit gab es auf Bali am einunddreißigsten Dezember eine organisierte Feuerwerksshow zu bestaunen, welche allen Hotelgästen außer den vier Gutbürgers ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Zudem wimmelte es tagsüber am Strand nur so von Deutschen. Sie lümmelten faul im Sand, schlürften hochprozentige Cocktails, riefen ewig ihren verzogenen Kindern und Hunden hinterher, verfielen in handfeste Auseinandersetzungen über die Frage, wem die letzte Liege am Pool zugedacht war, und plärrten und schnatterten und ließen nichts unversucht, den armen Gutbürgers den letzten Nerv zu rauben.
Einigermaßen erschüttert von ihrem furchtbaren Erlebnis, waren Hans-Günther und Rosemarie Gutbürger drauf und dran, die Idee mit dem Südseeurlaub zu begraben und sich etwas Neues fürs nächste Jahr auszudenken. Doch Yasmin und Marc hielten die beiden auf und erklärten, sie hätten in der Schule gelernt, man dürfe nicht so schnell aufgeben. Stattdessen müsse man eine ehrliche Fehleranalyse betreiben und iterative Verbesserungen in ein bestehendes Konzept implementieren.
"Seht mal, es ist doch so", begann Yasmin ihre wort- und gestenreichen Ausführungen. “Wir haben als ursächlichen Problemfaktor unsere deutschen Nachbarn und deren Affinität zu Feuerwerkskörpern identifiziert. Als sekundärer negativer Koeffizient tritt der europäische Winter mit arktischen Temperaturen und Dunkelheit hinzu. Folgerichtig haben wir eine geostrategische Lösung evaluiert und eine traumhafte Südseeinsel als Urlaubsziel erkoren.”
“Leider sind bei diesen Überlegungen die lokalen Gegebenheiten unberücksichtigt geblieben”, führte Marc den klugen Gedanken fort. “Die doofen Deutschen treiben einfach auf der ganzen Welt ihr Unwesen, wenn mir die saloppe Formulierung gestattet ist. Und geböllert wird andernorts ebenfalls, um den allgemeinen touristischen Attraktivitätswert zu inkrementieren. Mitnichten haben diese Maßnahmen jedoch zu unserer familiären Satisfaktion beigetragen. Aus den genannten Gründen…”
Er trat neben das Whiteboard, welches in der Mitte des Wohnzimmers aufgebaut war, nahm einen roten Stift und schrieb zwei Worte in Großbuchstaben darauf: Privateigentum und Isolation.
“... werden wir unser Vorgehensmodell aktualisieren und die Störfaktoren liquidieren. Zunächst muss sichergestellt werden, dass niemand außer uns in der Nähe des Urlaubszieles residieren darf. Okay, außer vielleicht ein paar regionalen Bediensteten.“
Yasmin war ebenfalls gut vorbereitet und heftete mit zwei Magneten ein Satellitenfoto von Bali ans Whiteboard.
“In dieser abgeschiedenen Region…” Sie deutete mit dem Zeigefinger auf einen grüngelben Bereich an der Küste. “... lassen sich Immobilien zu vertretbaren Preisen käuflich erwerben. Eine Anbindung an die moderne Verkehrsinfrastruktur ist dessen ungeachtet gegeben. Der Kauf einer bescheidenen Villa mit Meerblick erweist sich unter Berücksichtigung aller Gegebenheiten als ideale Zukunftsinvestition, um posttraumatischen Belastungsstörungen infolge deutscher Touristen und organisierter Pyrotechnik vorzubeugen.“
Stolz blickten Marc und Yasmin ihre Eltern an. Diese wechselten einen vielsagenden Blick, um einander zu signalisieren, dass sie ihre Worte nun behutsam wählen mussten. Kinder hatten empfindliche Seelen und durften nicht einfach von Erwachsenen eines Besseren belehrt werden. Selbst wenn sie schon vierzehn und sechzehn Jahre alt waren.
Hans-Günther räusperte sich, setzt eine intellektuelle Miene auf und sagte: “Meine lieben Sprösslinge, ich bin stolz auf euch. Ihr habt einen ganz hervorragenden Plan eruiert. Und das innerhalb kürzester Zeit. Ich bin wirklich, wirklich stolz auf euch.”
“Der letzte Satz ist redundant”, unterbrach Yasmin ihren Vater, “bitte fahre in der Sache fort.”
Erneut tauschten Herr und Frau Gutbürger einen bedächtigen Blick aus. Es nützte nichts, die Wahrheit musste ausgesprochen werden. Jetzt oder nie. Er schloss die Augen.
“Der Erwerb einer Immobilie im Ausland bringt komplizierte Verantworlichkeiten mit sich, welche euch möglicherweise nicht bekannt sind.”
Vorsichtig hob Hans-Günther die Lider ein wenig. Yasmin und Marc blickten verdutzt drein. Seine Frau Rosemarie nickte energisch, was ihn bestärkte, das Überraschungsmoment zu nutzen und die Argumente seiner Kinder im Keime zu ersticken. “Bali verzeichnet deutliche seismische Aktivitäten. Es ist nicht auszuschließen, dass unsere Privatimmobilie - sofern wir die zu besitzen erstreben sollten - bei einem Erdbeben oder Vulkanausbruch massiven Schaden nehmen könnte. Keine Versicherung wird für ein solches Risikogebiet eine tragbare Police offerieren.”
Marc hob die Hand, aber Hans-Günther kam gerade richtig in Fahrt.
“Die Haltung einer Strandvilla erfordert kontinuierliche Fürsorge und Schutz, um gegen Witterung und unerwünschte Personen resistent zu sein. Aufgrund unseres lediglich einwöchigen Aufenthaltes pro Jahr bliebe nur, diese Aufgaben in die Hände eines lokal ansässigen Dienstleistungsunternehmens zu geben. Dies jedoch käme einem Vertrauensvorschuss gleich, welcher nicht auf rationalem Fundament fußt.”
“Ich traue diesen Ausländern keine Sekunde über den Weg!”, äußerte Rosemarie Gutbürger zur Bestätigung - erschrak jedoch sogleich über ihre wenig intellektuelle Formulierung.
“Natürlich habe ich nichts gegen Personen mit Migrationshintergrund”, relativierte sie rasch, “aber es muss noch gestattet sein, im gesellschaftlichen Diskurs meine durchaus nicht unbegründeten subjektiven Bedenken auf eine höhere Ebene zu translatieren und dem Umgang mit Nichtdeutschen kritisch entgegen zu stehen.”
“Wie dem auch sei”, übernahm Hans-Günther rasch das Wort, um den roten Faden nicht zu verlieren, “wäre es angesichts der genannten Unwägbarkeiten höchst unklug, eine Immobilie auf Bali zu erwerben. Dennoch danken meine Frau, soll heißen eure Mutter, und ich euch vielmals für euren aufgeschlossenen Beitrag zu dieser Thematik. Wir werden in Kürze ein neues Treffen ansetzen, um mit frischen Ideen der Silvester-Problematik …”
Unvermittelt sprang Marc von seinem Stuhl auf.
“Augenblick mal!”, rief er erbost, “So leicht könnt ihr beiden nicht unsere Position untergraben. Ihr habt den positiven Argumenten einer eigenen Strandvilla noch gar kein Gehör verschafft!”
“Ganz genau”, pflichtete Yasmin ihm bei. “Wir haben die Sachlage ausführlich recherchiert und …”
“Mein liebes Mädchen”, unterbrach Rosemarie mit gekünstelt lieblicher Stimme. “Deine Intelligenz ist herausragend, wie wir alle wissen. Dennoch ziemt es sich nicht, zwei Erwachsenen zu widersprechen, welche sich eurer Gedanken immerhin gewissenhaft angenommen haben.”
“Gewissenhaft? Dass ich nicht lache!”, entgegnete Yasmin ungehalten. “Eine bessere Option, den familiären Seelenfrieden wiederherzustellen, als in ein Luxusanwesen zu investieren, gibt es nicht.”
“Die von euch artikulierten Unwägbarkeiten sind zudem in höchstem Maße selektiv”, ergänzte Marc. “Selbstredend sind Vulkanausbrüche und Plattentektonik niemals auszuschließen. Doch ebenso könnten in einem alternativen Szenario unvorhergesehene Schwierigkeiten auftreten, wie etwa Diebstahl, Mord, Entführung oder Exorzismus auf fremdem Grund und Boden.”
“Sollen wir uns etwa einfach in diesem Haus verbarrikadieren?”
“Silentium, Silentium!”, brachte Hans-Günther hektisch hervor. “So kommen wir nicht weiter. Am besten, wir besinnen uns auf die Methodiken der Demokratie, um einen mehrheitlichen Konsens zu beschließen. Wer ist dafür, eine Immobilie auf Bali käuflich zu erwerben?”
Sofort schossen Yasmins und Marcs Arme in die Höhe.
“Wer stimmt dagegen?”
Hans-Günther gab sein Handzeichen, doch Rosemarie hielt sich für besonders schlau und streckte einfach beide Arme hoch. So waren insgesamt drei Armen in der Luft.
“Überstimmt”, triumphierte sie. Yasmin sah sie geringschätzig an und erwiderte:
“Wenn ich die Geste korrekt interpretiere, möchtest du dich ergeben. Es sei dir gestattet. Damit ist der Kauf der Villa beschlossene Sache.”
Für einen kurzen Moment herrschte gefährliche Stille. Dann plusterte sich Rosemarie auf, straffte die Schultern, blickte ihrer Tochter geradewegs in die Augen und keifte: “Wir werden uns keine Immobilie kaufen! Nicht auf Bali, nicht in Australien und auch nicht auf dem Mars. Und dir und deinem Bruder gehört mal gründlich der Marsch geblasen!”
Zur Hölle mit den Kinderseelen.
Die beiden Minderjährigen wollte gerade zum Gegenschlag ausholen, doch Hans-Günther kam ihnen zuvor.
“Bitte, bitte, bedenkt doch, was geschähe, wenn die Nachbarn unseren Disput vernähmen. Sie müssten sich fragen ob unserer Wortwahl, wes Geistes Kind wir alle seien.”
Dem gab es nichts mehr hinzuzufügen. Betreten blickten die vier Gutbürgers zu Boden, unschlüssig, wie es nun weitergehen sollte.
Schließlich erbat Marc, sich für ein paar Minuten mit Yasmin zur Beratung zurückzuziehen. Die Eltern gaben seinem Gesuch statt und die zwei Jugendlichen verließen die Wohnstube. Ungeduldig warteten Mutter und Vater auf die Rückkehr ihrer Nachkömmlinge. Rosemarie zupfte ständig nervös an ihren Haaren herum, während Hans-Günther die hochglanzweiße Tischdecke nach nicht vorhandenen Krümeln absuchte.
“Was auch immer die beiden aushecken”, zischte Rosemarie schließlich, “wir dürfen es ihnen nicht durchgehen lassen. Immerhin haben wir einen Erziehungsauftrag. Und gute Erziehung verlangt Disziplin und Ordnung.”
“Trotzdem müssen wir ihnen diplomatisch beibringen, dass ihre Vorschläge keinesfalls tragbar sind, um gesichtswahrend die Debatte zu quittieren”, ergänzte ihr Mann dumpf.
Nach einer Ewigkeit kamen Yasmin und Marc wieder herein. Sie trugen ein triumphierendes Lächeln auf ihren Lippen, welches Rosemarie und Hans-Günther überhaupt nicht gefiel.
“Wir haben eure Argumente evaluiert und für valide befunden”, begann Marc. Die Eltern wechselten einen skeptischen Blick. Das war bestimmt eine Falle!
“Dennoch erscheinen uns die grundsätzlichen Rahmenbedingungen eines alljährlichen Aufenthalts in südlichen Gefilden als hinreichend profund, um diesen Kontext nicht vollständig zu substituieren.” Marc konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. An dem Satz hatte er lange gefeilt, um ihn treffsicher vorzutragen.
Yasmin übernahm das Zepter. “In Ermangelung triftiger Alternativen fordern wir ein Ultimatum. Binnen sieben Tagen muss von beiden Seiten eine diskutable Grundlage erarbeitet werden, um einen endgültigen Silvester-Deeskalationsplan zu entwickeln. Sollte eine Partei nichts vorzuweisen haben, setzt sich automatisch die andere durch. Wer stimmt für diesen Antrag?”
Wieder hielten Marc und Yasmin zuerst ihre Hände in die Höhe. Hans-Günther und Rosemarie zögerten. Das Ultimatum sollte beiden Seiten gleichermaßen gelten, so konnten sie schwerlich dagegen argumentieren. Schließlich hoben beide vorsichtig je einen gekrümmten Zeigefinger.
“Nicht ohne Bedenken stimmen wir unter Vorbehalt zu”, grummelte Rosemarie.
“Keine Vorbehalte”, erwiderte Marc selbstbewusst, “eine Woche, Punkt. Wenn ihr bis dahin keine bessere Idee habt als wir, dann haben wir gewonnen.”
Dieser unkonventionelle Beschluss führte zu erstaunlichen innerfamiliären Phänomenen. Yasmin und Marc tüftelten Tag und Nacht an neuen Plänen, um den Südseeurlaub erneut wahr werden zu lassen. (Mal unter uns, eigentlich war den beiden das Feuerwerk auf Bali ziemlich schnuppe. Und die Touristen auch. Irgendwie fanden sie beides sogar recht reizvoll, denn dadurch war es nicht so langweilig. Nur ihre spießigen Eltern würden das wohl niemals verstehen…)
Hans-Günther und Rosemarie ließen unterdessen nichts unversucht, ihren Nachkommen beharrlich überflüssige Tätigkeiten aufzuerlegen; zum Beispiel den Wetterbericht vierundsechzig mal auszudrucken und in der Nachbarschaft per Posteinwurf zu verteilen. So wollten sie verhindern, dass den beiden zu viel Zeit blieb, rechtzeitig ein solides Konzept auf die Beine zu stellen. Freilich hatten sie selbst keinen blassen Schimmer, was sie am diesjährigen Silvesterabend vor Lärm und Feinstaub beschützen könnte. Genau genommen barg der Generationenkonflikt im Hause Gutbürger derzeit mehr Eskalationspotential als die paar Böller und Raketen, doch das konnten Hans-Günther und Rosemarie nicht einfach vor ihren Kindern eingestehen. Sie mussten schließlich ihre Autorität wahren.
“Wie sagte schon Benjamin Franklin: Wer im Leben selbst kein Ziel hat, kann wenigstens das Vorankommen der anderen stören”, knurrte Yasmin am Spätnachmittag des siebten Tages, als sie gerade im Arbeitszimmer die Büroklammern nach Farben sortieren musste.
“Mir reicht’s”, stöhnte Marc, der ebenfalls anwesend war und sich damit abmühte, sämtliche Aktenordner beginnend ab 1975 zu entstauben. Er warf den Staubwedel beiseite, streckte die Arme durch, beugte sich zu seiner Schwester herüber und flüsterte ihr ins Ohr:
“Lass uns hochschleichen und unseren Tropentraum fertig schmieden. Sonst versauern wir noch endgültig und verbringen den Jahreswechsel am Ende wirklich hinter Bretterwänden, nur weil den alten Sturköpfen nichts besseres einfällt.”
Yasmin nickte grimmig, legte die Schachtel mit den Büroklammern zurück auf den Schreibtisch, zog ihre Schuhe aus und schlich auf Zehenspitzen durch den langen Flur, Marc im Schlepptau. Vorsichtig schauten die beiden sich um, doch von den Eltern war niemand zu erkennen. Schließlich schafften sie es bis zur Wendeltreppe, tappten Schritt für Schritt hinauf und gelangten unbemerkt in ihr Zimmer.
Der Durchbruch erfolgte genau neunundachtzig Minuten später.
“Wir haben es!”, schallten Yasmins und Marcs Stimmen gleichzeitig voller Euphorie durch das Haus. “Wir kaufen nicht nur eine Immobilie. Wir kaufen einfach eine ganze Insel.”
Rosemarie Gutbürger schälte gerade Kartoffeln fürs Abendessen. Ihr fiel vor Schreck das Messer aus der Hand und landete scheppernd auf dem gefliesten Küchenfußboden.
Aus der Garage zeugte ein unterdrücktes Fluchen davon, dass Hans-Günther Gutbürger gerade die Kofferraumklappe auf den Rücken gefallen war bei den Worten seiner Kinder. Mit einer Mischung aus Entzürnung und Furcht hasteten die Eltern hinauf ins Obergeschoss, um den verrückt gewordenen Sprösslingen die Leviten zu lesen. Hatten die doch einfach ihre Arbeiten vernachlässigt, um sich heimlich einen Vorteil zu erschleichen. Die Hände in die Hüften gestemmt, bauten sie sich hinter den beiden auf.
“Schaut es euch nur selbst an”, meinte Marc unbeeindruckt, “auf waldis-private-inseln.de findet man Dutzdende Eilande in allen Regionen dieses Planeten. Auch in der Südsee.”
Er wählte einen entsprechenden Filter aus, und prompt erschienen auf dem Bildschirm dutzende Fotografien von traumhaften Sandstränden mit wogenden Palmen, umgeben von einem tiefblauen Ozean.
Yasmin begann leicht geheuchelt zu schwärmen. “Stellt euch mal vor, wie fantastisch es wäre, auf der eigenen Insel morgens aufzuwachen vom sanften Rauschen der Wellen. Keine ruhestörenden Touristen weit und breit, keine Einbrecher und ganz bestimmt kein unerwartetes Feuerwerk.”
Vorsichtig beugte sich Hans-Günther ein Stück nach vorn, griff nach der Maus, klickte den erstbesten Eintrag an und scrollte über die Website.
“Aha!”, rief er triumphierend. “Preis auf Nachfrage. Da soll mich doch der Teufel holen, verzeiht die Wortwahl. Eine Immobilie auf Bali wäre ja finanziell noch tragbar, aber so einen Felsen im Meer werden eure Mutter und ich gewiss nicht bezahlen.“
Rosemarie nickte energisch, doch die zwei Teenager blieben unbeeindruckt.
“In dem Fall sollten wir schleunigst einen Termin mit Herrn Waldi, dem Makler, vereinbaren. Laden wir ihn nächste Woche zum Kaffeetrinken ein, dann werden wir schon gemeinsam ins Geschäft kommen.”
Völlig überrumpelt blickten Hans-Günther und seine Frau einander an. Plötzlich hatte Rosemarie eine Idee.
“Also gut, ihr habt gewonnen. Wir werden diesen Herrn Wauwau kontaktieren, aber die endgültige Vertragsgestaltung bleibt eurem Vater und mir überlassen. Versucht gar nicht erst zu widersprechen”, ergänzte sie angesichts von Marcs und Yasmins Gesichtern, “wenn ihr euer eigenes Geld verdient, könnt ihr eure eigenen Verträge abschließen. Und bis dahin solltet ihr dankbar sein, dass wir so großzügig auf euren Vorschlag eingegangen sind.”
Erwartungsvoll starrten die erwachsenen Gutbürgers Sohn und Tochter an, welche zunächst unschlüssig waren. Doch Marc erkannte die Gunst der Stunde, richtete einen wortreichen Dank an seine Eltern und trat Yasmin unauffällig auf den Fuß.
“Immerhin haben sie die Insel-Idee nicht sofort abgelehnt“, erklärte er ihr, nachdem Hans-Günther und Rosemarie wieder verschwunden waren. “Wir müssen uns einfach geschickt anstellen und den Makler um unsere Finger wickeln.”
Herr Waldi war ein bemerkenswerter Typ mit großen Schlappohren und einem ausgeprägten Dackelblick. Er trug einen feinen dunklen Anzug und eine edle Aktentasche unter dem Arm.
“Sie haben also die kluge Entscheidung getroffen, sich eine Insel anzueignen!”, eröffnete er das Gespräch mit bellender Stimme. “Ich verspreche Ihnen, dass Sie nicht enttäuscht sein werden. Seit vierunddreißig Jahren leite ich die erfolgreichste Landmassen-Agentur des gesamten Planeten. Mir entgeht kein unbewohntes Fleckchen Erde. Bei Inselbesitzern bin ich daher weltweit bekannt wie ein bunter Hund.”
Er schlabberte ein paar Schlucke aus seiner Kaffeetasse. Dann holte er aus der Aktentasche unter dem Tisch einen schicken Laptop hervor, klappte ihn vor sich auf und blickte die Gutbürgers über den Bildschirm hinweg an.
“Damit wir das beste Objekt für Ihre Ansprüche finden, benötige ich zunächst ein paar Eckdaten von Ihnen. So können wir aus der riesigen Datenbank die relevanten Einträge vorfiltern. Sie brauchen dann bloß noch eine passende Entscheidung zu treffen.”
Sofort sprudelten die vier Gutbürgers drauflos.
“Eine einsame Südseeinsel fernab der Zivilisation - “
“Jede Menge Sandstrand und Tauch- und Surfgelegenheiten - “
“Natürliche Süßwasservorkommen - “
“Gemäßigtes Klima ohne Monsuneinfluss - “
“Am besten mit einer kleinen, aber feinen Urlaubsimmobilie - “
“Nicht zu vergessen den Yacht- oder Flughafen zur komfortablen An- und Abreise - “
“... und das alles bitte für maximal tausend Euro brutto”, schloss Rosemarie.
Beim letzten Satz klappte Herrn Waldi vor Schreck der Kiefer herunter und er begann wild zu hecheln. Auch Yasmin und Marc sahen einander erschrocken an, dann wandten sie ihren Blick erst ihrem Vater zu, der verlegen an die Decke schaute, dann zu ihrer Mutter. Rosemaries Augen funkelten heimtückisch, um ihre dünnen Lippen kräuselte sich ein falsches Lächeln. Diese elende Schlange! Hätten Sie den finanziellen Aspekt doch nur im Vorhinein geklärt. Nun war es zu spät.
“Sie haben korrekt vernommen”, bestätigte Frau Gutbürger. “Eintausend Euro und keinen Cent mehr. Wir müssen schließlich die Reiselogistik bei der Kostenkalkulation ebenfalls berücksichtigen.”
“Keine Immobilie der Welt hättet ihr für nur tausend Euro erstanden”, fauchte Marc zornig, “das ist indiskutabler Nonsens!”
“Und auf Bali wären wir wahrscheinlich gebeamt worden, um die Fluggebühren zu sparen?”, zischte Yasmin in Richtung ihrer Eltern.
“Bali sowie diese Immobilie standen ohnehin nie zur Debatte”, warf Hans-Günther rechthaberisch ein. “Es ging um eine Alternative. Und diese Insel bekommt ihr eben nur, wenn Herr Wuffi ein Objekt im vorgegebenen Finanzrahmen vorzuweisen hat.”
“Waldi ist mein Name”, knurrte der Makler und fletschte instinktiv die Zähne. Er besann sich jedoch sogleich, schließlich war er in geschäftlichem Auftrag unterwegs. Auch wenn er diese Gutbürgers aus Nummer achtunddreißig insgeheim ins ferne Pfefferland verwünschte.
Stattdessen füllte er brav alle Suchfelder aus und tippte auf Enter. Während die Webanwendung sich redlich Mühe gab, aus den konfusen Vorgaben und Einschränkungen eine passende Auswahl zu filtern, begann Herr Waldi vorsichtig, seine Klienten auf den schlimmstmöglichen Fall vorzubereiten.
“Unter Umständen dürfte die Gesamtzahl an verfügbaren, passenden Inseln sich im vorliegenden Fall auf ein Minimum beschränken. Genauer gesagt auf null. Bitte missverstehen Sie mich nicht - “ Er hob schützend seine pfotenartigen Hände in die Höhe. “ - selbstredend verfügt meine Agentur über dutzende Südseebjekte mit Sandstränden, Luxusvillen, Wasseranschlüssen und sogar eigenen Flugplätzen. Jedoch beginnen unsere Angebote im mittleren fünfstelligen Bereich, und dabei handelt es sich erst um antarktische Gefilde. Aus diesem Grunde sollten wir der Wahrheit ins Auge… Auge… Augenblick!”
Herrn Waldis Sehorgane traten förmlich aus ihren Höhlen hervor. Ungläubiges Erstaunen erfüllte jeden Winkel seines Dackelgesichts. Ganz langsam und bedächtig hob er den Kopf und starrte die verdatterten Gutbürgers an.
“So unglaublich es klingen mag: Es gibt tatsächlich ein Objekt, das Ihren Erwartungen in allen Punkten entspricht. Aber sehen Sie selbst.”
Er drehte den Bildschirm herum, sodass seine vier Klienten den Zufallsfund begutachten konnten.
“Traumhafte Lage im südpazifischen Ozean”, verlas Yasmin die erste Zeile der Beschreibung.
“Dreizehn Hektar Freiheit erwarten Sie auf diesem bescheidenen Eiland fernab jeder Zivilisation”, fügte Marc hinzu. “Das klingt ja fast zu perfekt, um wahr zu sein.”
Selbst Hans-Günther und Rosemarie kamen nicht umhin, sich mit einer gewissen Neugierde vorzubeugen und ebenfalls das Angebot zu studieren.
Plötzlich stutzten die beiden. “Ein beschauliches, historisches Anwesen von fünfundzwanzig Metern Höhe befindet sich direkt in Strandnähe. Von dort haben Sie einen hervorragenden Überblick über das gesamte Territorium von Bad Bumerang.” Hans-Günther legte die Stirn in Falten. “Wie kommt man auf den Gedanken, eine Südsee-Insel Bad Bumerang zu taufen?”
“Und es geht noch weiter”, konstatierte Rosemarie verblüfft. “Bei gutem Wetter können Sie vom höchsten Aussichtspunkt einen Blick auf die legendären Silvesterinseln erhaschen, welche gemeinsam mit Bad Bumerang ein Arschipel bilden.”
“Was sind denn die Silvesterinseln?”, fragte Hans-Günther ratlos.
“Und was ist bitte ein Arschipel?”, erzürnte sich seine Frau.
“Sicherlich nur ein simpler Rechtschreibfehler”, meinte Herr Waldi beschwichtigend. “Gemeint ist wohl ein Archipel, soll heißen eine typische Inselgruppe, wie man sie in diesen Breiten findet.“
“Und was hat es mit diesen ominösen Silvesterinseln auf sich?”, hakte Rosemarie nach. “Wir wollen mit diesem ganzen Silvester-Unfug nichts zu tun haben, merken Sie sich das!”
Doch Yasmin und Marc waren bereits Feuer und Flamme. Dass sie zu diesem Spottpreis eine geeignete Insel gefunden hatten, würden sie sich jetzt nicht mehr nehmen lassen.
“Für unschlagbare 999,99 Euro gehört Bad Bumerang uns”, frohlockte Yasmin, “Es handelt sich um das Angebot eines gewissen Herrn Blau.”
“Blau, grün, rot”, wetterte Hans-Günther vor sich hin, “so was geht doch nicht mit rechten Dingen vor sich!”
…
“Drei – zwei – eins – “
BUMM. Mit dröhnendem Lärm donnerte eine Rakete in das linke Triebwerk, welches sofort aufheulte und in Flammen aufging.
“Grundgütiger”, meinte Hans-Günther verdutzt. “Es scheint, als hätte soeben jemand auf uns geschossen.”
Rosemarie Gutbürger schaute ihren Mann besorgt von der Seite an, während Marc und Yasmin ihre Nasen an die Fensterscheiben pressten, um den entstandenen Schaden zu begutachten.
“Hier trudeln ziemlich viele glühende Metallteile aus der Turbine”, konstatierte Marc. Seine Schwester ergänzte: “Und wir ziehen eine riesige Rauchwolke hinter uns her. Das muss ja fürchterlich aussehen.”
Hans-Günther fummelt derweil an ein paar Knöpfen im Cockpit herum.
“Kein Grund zur Sorge. Selbstverständlich kann diese Maschine auch mit einem Triebwerk hervorragend weiterfliegen. Ich aktiviere nur eben schnell die automatische Löschvorrichtung, damit uns die linke Tragfläche nicht abbrennt.”
Es gab ein zischendes Geräusch, weiß glänzender Dampf stob aus kleinen Düsen und erstickte die Flammen in Sekundenschnelle.
Kaum war das Feuer gelöscht, sauste eine zweite Rakete unbekümmert ins rechte Triebwerk, explodierte und gab dem Flugzeug den Rest.
Hans-Günther Gutbürger runzelte die Stirn.
“Hmm, das ist jetzt ungünstig”, gab er zu bedenken. “So ganz ohne Antrieb werden wir wohl nicht bis an unser Ziel kommen.”
Er deaktivierte den Autopiloten und drückte den Steuerknüppel nach vorn, sodass der Jet zu sinken begann. Frau Gutbürger war einigermaßen aufgebracht.
“Was bilden sich die Leute heutzutage eigentlich ein, so mir nichts, dir nichts das Privateigentum anständiger Leute zu beschädigen?” Empört zog sie eine Schnute und verschränkte die Arme vor der Brust. Die Kinder legten ihre Sicherheitsgurte an und brachten ihre Sitze in eine aufrechte Position.
Hans-Günther betätigte erneut den Feuerlöscher für das verbliebene Triebwerk. Nach wenigen Sekunden war es totenstill in der Kabine. Die vier Passagiere konnten ihren eigenen Atem hören.
…
“Wer auch immer uns abgeschossen hat, muss sich da unten im Pazifik aufhalten. Vielleicht sind wir versehentlich über einen Flugzeugträger geflogen. Oder über militärisches Sperrgebiet der Blauwale und Tintenfische. Wer weiß das schon. Jedenfalls werde ich nun ein paar Runden drehen, so lange wir noch hoch genug sind, und Ausschau halten nach einem Landeplatz.”
…
Plötzlich trommelte Yasmin mit ihrem Zeigefinger gegen die Glasscheibe.
“Da unten ist eine Insel”, rief sie überrascht. Ihre drei Mitreisenden richteten ihre Blicke ebenfalls auf das pechschwarze Eiland, welches sich wie eine etwas zu dick geratene Mondsichel aus dem Ozean erhob. Eine dicke, dunkle Mondsichel, sozusagen. Wenngleich es so etwas natürlich gar nicht gab. Na wie auch immer.
“Alle fertig machen zur Landung”, sagte Hans-Günther triumphierend, fuhr das Fahrwerk und die Klappen aus, steuerte das Flugzeug auf einen breiten Küstenstreifen hin und schaltete die Landescheinwerfer ein. Wenige Sekunden später berührten die Reifen den scharfkantigen Untergrund, platzten augenblicklich und ließen die Maschine in holperndem Galopp vorwärts schlittern. Geradewegs auf einen steinernen Leuchtturm zu, welcher unvermittelt in den Lichtkegel der Scheinwerfer geriet und mit rasender Geschwindigkeit größer wurde.
“Upps”, schaffte es Hans-Günther noch von sich zu geben, bevor die rechte Tragfläche mit der runden Ziegelwand kollidierte, sie zerfräste und schließlich abbrach. Der kleine Jet drehte infolgedessen siebeneinhalb Pirouetten und kam in einer gigantischen Staubwolke zum Stehen.
