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Aus Die Silvesterinseln
Version vom 12. September 2023, 14:51 Uhr von SparkFountain (Diskussion | Beiträge)
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Hein Blau sein Zuhause

Fluchend und in dunkelgrauen Staub gehüllt, begannen die vier Gutbürgers aus dem Flugzeugwrack zu kriechen. Marc schaffte es als Erster, durch ein geborstenes Seitenfenster ins Freie zu klettern. Er klopfte sich halbherzig den Schutt von der Kleidung und sah sich um.

»Seid ihr alle okay?«, rief er ins Innere des Wracks. Als Antwort schlugen ihm genervtes Stöhnen und ein lautes Niesen entgegen. Kurz darauf erschien Rosemaries Kopf aus einer großen Lücke zwischen zwei Blechteilen, die einst das Dach des Jets gebildet hatten. Ihr Haare waren komplett verfilzt und voller Asche, sodass sie um zehn Jahre gealtert wirkte.

»Pfui, na so was aber auch«, schimpfte sie und befreite sich aus den Trümmern, gefolgt von ihrem Ehemann. Yasmin hatte derweil den Fahrwerksschacht als persönlichen Notausgang erwählt und robbte auf allen Vieren unter der Maschine hervor.

»Satz mit X, das war wohl nix«, konstatierte sie, ohne eine Miene zu verziehen. Stattdessen zog sie ihr Smartphone aus der Hosentasche und schrie laut auf: »Das Display hat einen dicken Kratzer!«

»Du hast Probleme«, murmelte Marc leise, doch seine Schwester war mit ihren Spitzohren stets zur Stelle, wenn es etwas gab, das sie besser nicht hören sollte.

»Das ist nicht witzig«, fauchte sie. »Stell dir mal vor, wenn die Bildschirmtastatur nicht mehr richtig funktioniert, dann kann ich keine Nummern mehr tippen und niemanden mehr anrufen!«

Marc warf einen kurzen Blick auf sein eigenes Telefon, setzte ein selbstgefälliges Grinsen auf und erwiderte: »Du Plaudertasche wirst demnächst sowieso keine Ferngespräche mehr führen können. Hier gibt es nämlich gar keinen Empfang.«

Herr und Frau Gutbürger standen ratlos neben den Resten ihres einst stolzen Privatjets. Hans-Günther ließ die Schultern hängen und Rosemarie machte sich für eine Schimpftirade bereit.

»Soweit ich im Bilde bin, hattest du überhaupt keine Landeerlaubnis«, war der erste und wichtigste Vorwurf, der ihr einfiel. »Du hättest wenigstens versuchen können, den hiesigen Tower anzufunken. Stattdessen bist du einfach in ihn hineingeflogen.«

»Kleinere Flughäfen verfügen nur selten über einen Tower«, meinte Hans-Günther Gutbürger zu seiner Verteidigung. »Darüber hinaus entspricht dieses Gebäude definitiv nicht den internationalen Sicherheitsanforderungen. Es muss ein Mindestabstand von einigen hundert Metern zu allen Landebahnen gewährleistet sein.«

»Andere Länder, andere Sitten«, murrte Rosemarie. »Wo bleibt eigentlich die Flughafen-Feuerwehr? Nicht auszudenken, sollte hier gleich ein riesiges Feuer ausbrechen!« Erschrocken tapste sie rückwärts ein paar Schritte von dem verformten, qualmenden Schrotthaufen weg. Plötzlich stieß sie mit ihrem Rücken gegen etwas Weiches, stolperte und kippte um.

»Ahoi, ihr Landratten!«, dröhnte eine bräsige Stimme knapp zwei Meter über ihr in die Dunkelheit hinaus. »Ihr seid ja pünktlich wie die Feuerwehr, die es hier aber nicht gibt. Genau so wenig wie Fluglotsen oder Bodenpersonal. Hier gibt's nur mich, jawohl!«

[Hier muss irgendwo eine Lichtquelle sein - es kann nicht gleichzeitig dunkel sein und Rosemarie sieht trotzdem, dass Hein Blau blau ist.]

Mit einer kräftigen Pranke hievte der Fremde Rosemarie wieder auf die Beine. Verwirrt drehte sie sich um und blinzelte. Dann blinzelte sie noch ein zweites und drittes Mal, doch ihren Augen traute sie immer noch nicht. Die Gestalt vor ihr war von großer Statur und äußerst beleibt (jetzt verstand sie, warum das Etwas, in das sie gerannt war, sich so weich anfühlte). Aus dem Gesicht ragte eine sehr lange Schnauze mit einer großen, roten Nase und diversen windschiefen, gelben Zähnen. Der Kerl (ja, das war eindeutig ein Kerl, schon allein der Stimme wegen) hatte eine merkwürdig schimmernde, dunkelblaue Hautfarbe und trug eine Kapitänsuniform, die von zahlreichen Flicken zusammengehalten wurde.

Hans-Günther tauchte plötzlich neben ihr auf. Rosemarie bemerkte, dass er versucht hatte, sich auf die Schnelle etwas zu säubern und die Krawatte zu richten - beides mit mäßigem Erfolg.

»Sind Sie der Eigentümer dieser Insel?«, fragte Hans-Günther in professionellem Ton an den Langschnäuzigen gerichtet. Der Kapitän brach in schallendes Gelächter aus.

»Jau, jau, jau - ich bin der Hein Blau«, prustete er fröhlich und deutete eine Verbeugung an (mehr wäre bei seinem Leibesumfang auch nicht drin gewesen). »Willkommen auf Bad Bumerang, mein Bester. Freut mich ganz außerordentlich, deine Bekanntschaft zu machen. Und ich dachte immer, ich würd' die alte Insel nie loswerden. Umso besser, dass du sie jetz' gekauft hast. Hat mein alter Freund Waldi gut eingefädelt, das Geschäft.« Er grinste über beide Backen, hielt plötzlich inne und spannte die Muskeln an, als habe er einen Krampf. Im nächsten Augenblick ließ er fürchterlich einen fahren, sodass der dunkle Sandboden unter seinem Gesäß in einem gewaltigen Wirbel davon stob. Sein Gesicht nahm wieder einen zufriedenen Ausdruck an.

»Boah, war der laut. Verzeihung, aber was raus muss, muss raus.«

Yasmin und Marc hatten sich bislang im Hintergrund gehalten. Bei wichtigen Gesprächen zwischen Erwachsenen geziemte es sich nicht, sie zu stören, wurde den beiden einst beigebracht. Doch die Art, wie der komische blaue Mann redete, ließ erstens gewisse Zweifel zu, ob er überhaupt zu den "Erwachsenen" zu zählen wäre, und zweitens war er einfach viel zu interessant, als dass die Jugendlichen ihn weiterhin hätten ignorieren können.